Pfingsten 31. Mai 2020

Liebe Gemeinde,
in unserem Gottesdienst in Zschopau werden wir heute nach Wochen das erste Mal wieder zwei Kinder taufen. Nicht jeder von uns kennt oder feiert seinen Tauftag, aber für die beiden, Paul und Lina, wird es ganz einfach werden, sich ihren Tauftag zu merken, denn sie müssen nicht jedes Jahr am 31.5. feiern, sondern sie können jedes Jahr am Pfingstsonntag ihre Taufe feiern. Das ist etwas wirklich Besonderes, denn es ist der Tauftag unserer ganzen Kirche!
Normalerweise sagen wir Pfingsten ist der „Geburtstag“ der Kirche. Und das stimmt auch. Damals beim ersten Pfingstfest hat Gott aus den einzelnen Jüngern die erste Gemeinde geformt. Nach Ostern und Himmelfahrt waren die Jünger zwar nicht mehr so verschreckt und ängstlich wie nach Karfreitag. Immerhin haben sie sich wieder getroffen und auch schon erste Gedanken in die Zukunft gerichtet. Zum Beispiel haben sie für Judas einen 12. Apostel nachgewählt. Das tut man nur, wenn man auch an eine Zukunft glaubt. Aber eine Gemeinde, mit einem gemeinsamen Grund und einer gemeinsamen Perspektive waren sie nicht. Das sind sie erst zu Pfingsten geworden. Insofern kann man Pfingsten den „Geburtstag der Kirche“ nennen.
Aber genauso gut kann man Pfingsten auch den „Tauftag“ der Kirche nennen, denn es damals ist genau das geschehen, was in jeder Taufe geschieht – was wir gerade bei Paul und Lina erlebt haben: Gott sagt „ja“ zu seinen Kinder, ein „Ja“, das er niemals zurücknehmen wird. Und Gott schickt seinen Heiligen Geist und mit ihm Geistesgaben, die uns in unserem eigenen Glauben und in unserem gemeinsamen Glauben in der Gemeinde stärken sollen.
Ich Sie doch einmal den Abschnitt aus der Apostelgeschichte, dem Bericht über das erste Pfingstfest: Apostelgeschichte 2,1–21!
    Unser Pfingstgottesdienst ist wie ein Geburtstag, an dem man sich erinnert, wie das alles einmal angefangen hat – welche Hoffnungen und Wünsche sich mit dem neuen Leben verbunden haben. Diese Erzählung über das erste Pfingstfest ist eine Chance, einmal durchzuatmen und zurückzublicken: Wie ging das damals mit der Kirche eigentlich los? Was genau ist damals passiert? Und was bedeutet das für unsere Kirche heute?
„Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.“ Bevor die Kirche 50 Tage nach Ostern auf der Taufe gehoben wird, hat es viele kleine Schritte gegeben auf dem Weg hin zur Kirche – aber es noch nicht die Kirche selbst. Vielleicht der erste Schritt war die Taufe Jesu durch Johannes – Jesus selbst lässt sich taufen, empfängt den Heiligen Geist – den Beistand Gottes. Dann beginnt er Jünger zu berufen – ganz besonders Petrus, den „Felsen“, auf den er später seine Kirche bauen will. Er predigt und heilt, er diskutiert und leidet, schließlich stirbt er. Das Leben Jesu war die Grundlage für unsere Kirche, aber es ist noch nicht die Kirche selbst. Selbst Ostern, der Tag, an dem Gott seine Macht selbst über den Tod erweist, ist noch nicht der Beginn der Kirche. In den tagen bis Himmelfahrt schließlich fassen die jünger neues Vertrauen in ihren Glauben, beginnen zu verstehen und finden doch noch nicht die Kraft, hinauszugehen und davon zu erzählen. Sie finden diese Kraft bis zuletzt nicht in sich selbst. Aber sie kommen zusammen und blicken langsam in die Zukunft. Sie kommen zusammen und vertrauen darauf, dass Gott das einlösen wird, was er versprochen hat – das Senden seines eigenen Geistes, wie auch immer sich das begeben wird.
    „… und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen.“ Der Geist Gottes ist damals wie heute schwer zu fassen und zu beschreiben. Wir verfügen nicht über ihn und können kaum definieren, was oder besser wer der Geist Gottes ist. Aber wir können ihn spüren – in Glaubensmomenten spüren wir manchmal sehr klar, dass das gerade das Wirken des Geistes Gottes ist – seine Gegenwart und sein Eingreifen mitten in unserm Alltag. Der Geist Gottes ist immer eine Gabe, ein Geschenk, das ich nur annehmen und „auspacken“ kann. Es ist ein Geschenk Gottes in die Situation hinein in der ich stehe.
Beim allerersten Pfingsten war es das Geschenk der fremden Sprachen. Die Versammlung so vieler Juden aus so vielen Völkern in Jerusalem war eine einmalige Gelegenheit, von ihrem Glauben zu erzählen. Wenn sie nur deren Sprachen sprechen könnten – wenn sie nur die richtigen Worte sprechen konnten, die die anderen verstehen. In späteren Gemeindephasen teilte Gott mit seinem Geist ganz andere Gaben aus, die in genau diesen Situationen benötigt wurden: Von Träumen und Weissagungen hören wir. Morgen werden wir in der Predigt hören, welche Geistesgaben Paulus später kennengelernt hat: die Gabe, weise Entscheidungen zu treffen, die Gabe, zu deuten, was der andere eigentlich sagen wollte und viele mehr.
Auch die unterschiedlichen Aufgaben in der Gemeindearbeit werden als Gaben Gottes verstanden. Der eine hat eine Gabe zu lehren, der andere zu predigen, die dritte Kranke zu pflegen und zu ermutigen. An diese Talente denken wir nicht als erstes, wenn wir von den spektakulären Ereignissen des ersten Pfingsten hören. Und doch ist es nicht anderes: Gott gibt dem einzelnen eine Gabe, die genau in dieser Situation nötig ist und begründet damit weniger einen besonders begabten Christen als vielmehr die Gemeinde an sich. In der Taufe sprechen wir dem Täufling den Heiligen Geist zu und warten darauf, in welcher Weise er sich im Leben des Täuflings zeigen und wirken wird. Das ist natürlich ein besonderer, einmaliger Tag für den Täufling. Aber jede Taufe ist damit auch ein besonderer, einmaliger Tag für die Gemeinde, in die der Täufling aufgenommen wird. Mit jeder Taufe wird die Gemeinde neu begründet – neu „begabt“. Heute haben wir das in doppelter Weise erlebt.
Mit dem gespannten Warten, wie sich der Heilige Geist im Leben von Paul und Lina verwirklichen wird, sollte uns heute an Pfingsten auch noch eine andere Frage beschäftigen: Welche Gaben sind es eigentlich, die wir heute in unserer Gemeinde benötigen? Brauchen wir Menschen, die genau die richtige Sprache und Ansprache finden? Brauchen wir Menschen, die ein Talent dafür haben andere zu verstehen? Brauchen wir Menschen, die weise Entscheidungen fällen können? Brauchen wir in diesen Wochen gerade solche, die sich um andere kümmern und diese aufsuchen und besuchen in Formen, die heute machbar sind? Und wenn wir diese „Wunschliste“ ausgefüllt haben, dann könnten wir gleich noch eine zweite Liste anlegen, nämlich eine solche mit den Gaben, die wir alle seit unserer Taufe von Gott empfangen haben … und die vielleicht noch nicht in unserer Gemeinde zum Einsatz gekommen sind.
Alle Gaben, die der Geist Gottes in uns wirkt, verfolgen in ihrer Unterschiedlichkeit den gleichen Zweck – das Ziel, das schon die Predigt des Petrus am allerersten Pfingstfest zum Inhalt hatte: Die Menschen kamen und hörten ihn sprechen von den großen Taten Gottes – in einer Sprache, die sie verstehen und annehmen konnten.

KANZELSEGEN
„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Amen.